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Leseprobe Create - Zerrissen

  • Christine Loch
  • 14. Mai
  • 12 Min. Lesezeit

(Band 2 - Release am 23.05.2026)


‚Trauma is a fact of life. It does not have to be a life sentence.‘

(Trauma ist ein Teil des Lebens, es muß keine lebenslange Haftstrafe sein.)

Peter A. Levine


Für alle Zerrissenen –

auf dass ihr euren Weg zurück zu euch findet.





Prolog - Vom Verbinden und Zerreißen

Vor langer Zeit, in einer anderen Dimension …



Die Erde.

Sonus versuchte, sie zu erahnen.

Schwierig.

Wie würde sie klingen? Wie würde sie sich anfühlen, dicht und schwer?

Sie waren auf der Erde – und doch nicht.

Nicht in der Festwelt.

Nicht in der menschlichen Wahrnehmung.

Menschen. So brüchig.

So zergliedert.

Hart und doch weich. 

Flüssig und doch fest.

Sie verfielen, bevor sie vollkommen schwingen konnten. Laute Farben. Bittere Töne.

Und jetzt Krieg.

Die Zwischenebenen bebten. Verbindungen rissen.

Sonus tastete nach der Schwelle.

Neugier vibrierte in seinen Anteilen. Und Angst.

Dann summte die Schwelle:

„Sonus. Fünf im Kreise vereint. Vertiefe.“

Sonus vertiefte, verband, verschmolz.

Es suchte nach Serenion  seinem zuletzt verbundenen Volate.

Dem Einzel, das Sonus in seine Vollständigkeit gebracht hatte.

Nicht viele verbanden sich mit einem Schwellenwandler.

Zu gefährlich.

„Serenion. Bleib bei mir.“

Und Serenion blieb.

Sie waren zusammen, das bedeutete alles. 

‚Alles.‘

Der Krieg fraß sich durch die Welt der Menschen. Verdunkelung griff um sich.

Alle aktiven Volatiles wurden zurückgerufen.Rückzug aus Regierungen und Universitäten.

Alle zwölf Übergänge waren instabil geworden.

Rückzug bedeutete Risiko.

Sonus machte sich an die Arbeit.

Schwellen sichern. 

Übergänge stabilisieren. 

Volatiles heimführen.

Fünf Schwingungen stellten sich der Aufgabe.

Vier kannten den Riss zwischen den Ebenen. Serenion war neu, noch unerfahren im instabilen Übergang – doch klar. Entschlossen.

Sonus trat in die unsichere Passage.

In den Stadien des Dazwischen verdichtete es sich, verlor seine Leichtigkeit.

Bewegung wurde mühsam. Die Schwelle schien weit.

Sonus erkannte Verdunkelung und löste sie mit seiner klaren Stimme.

Fand darin ein Volatil und befreite es.

Steine rollten und der Boden bebte. 

Das Volatil konnte nach Hause.

‚Ein Sieg.‘

Weiter und weiter drang Sonus vor.

Es durchglitt Strukturen, Höhlen, Hallen.

Eis, Schnee, Kristalle.

Lucir, der erfahrenste Anteil des Sonuskreises, kannte diese Kälte aus früheren Einsätzen.

Alle wollten von ihm wissen, wie weit sie gehen sollten. Aber das konnte Lucir nicht sagen.

Seine Sorge galt Serenion. Lucir und die anderen Anteile wollten es nicht in Gefahr bringen.

Serenion war so klar, so stark – und sie hatten sich gerade erst verbunden.

Es hätte im Rückzug bleiben können.

‚Niemals!‘

Es drängte weiter – und da wagten sie es.

Ein letztes Hallen, ein klarer Ton – da brach wieder ein Teil der Verstopfung.

Das Wesen, das sie befreiten, stieß eine schrille Warnung in kranken Farben aus: „Flieht!“

Aber es war zu spät.

Etwas umrankte Sonus, befestigte es.

Es versuchte auszubrechen, aber da begann ein metallisches Klopfen im immer gleichen Abstand.

Jeder dieser Töne erschütterte Sonus’ Kraft, und es konnte sich nicht mehr formatieren.

An den Verbindungsstellen entstand ein entzündlicher Schmerz, und Sonus weinte und klagte, unterbrochen vom metallenen Hämmern.

Gestalten mit Gliedmaßen umrundeten es.

Menschen. 

Augen starrten.

Ein metallenes Rohr war um Sonus geschlungen.

Geschlossen, gewunden, mit einer seltsamen Substanz geflutet.

Und immer dieses Wummern – zu laut!

Sonus schrie vor Schmerz.

Die Wesen, die es umrundeten – Menschen – tippten auf Geräte, resonierten nicht.

„Schmerz!“, kreischte Sonus. „Schmerz!“

Das Wummern wurde intensiver, die Verbindungsansätze bäumten sich auf: Sonus schoss in seine Kampfform.

Das andere Volatil verendete neben ihm, gefangen in der gleichen Falle, entkräftet, zerstört.

Aber Sonus würde kämpfen, würde sich wehren!

Wumm – wieder ein Schlag, der die Verbindungen traf.

Serenion rutschte ab.

Panisch zuckte es zurück zur Hauptverbindung, griff nach den Anderen, die immer schwächer wurden. 

„Nein!“

Die Menschen richteten metallene Stäbe auf Sonus.

Schossen mit heißen Lichtblitzen und Metall.

Sonus brüllte.

Eine blecherne Stimme ordnete die Evakuierung der Forschungsbasis an.

Aber zu spät.

Serenion riss, es sprengte, es wurde zum Geschoss, das die Schallmauer brach.

Von Erdbeben, Eruption, Verschüttung und Ascheregen unberührt, strandete es Sekunden später an einem völlig anderen Teil der Erde.

Schwach, verzweifelt, getrennt.

Trockener Sand, wohin es suchte, keine Spur von Sonus.

Nach und nach versank alles in einem gnädigen Nebel der Verschleierung.

Nur die Einsamkeit blieb.

Ziellos schwebte Serenion durch die Wüste.

Tage kamen und gingen.Jahre. 

Jahrzehnte.

Menschen kamen nur selten vorbei.

Die wenigsten nahmen es wahr.

„Was ist das für eine Musik?“, fragte einmal ein kleiner Junge verwundert.

Sein Großvater lächelte sanft.


„In stillen, sternenklaren Nächten kannst du diesen Klang von überirdischer Schönheit hören – dann singt Ruh as-sahra’,

dann weint die Seele der Wüste.“



Kapitel 01 - Von Wüstensand und Regenkind

Der Sand zog sich bis weit hinter den Horizont, wie ein allmähliches Verblassen der Welt.

Zac saß auf seinem Kamel und hatte längst aufgehört, Schritte zu zählen. Alles bewegte sich im gleichen Rhythmus: das Schaukeln des Tieres, das Knirschen des Sandes, das leise Klirren der Gurte.

‚Rub al-Chali‘, schon das Wort klang nach mehr Wüste als Zac für ein ganzes Leben brauchte. Er mochte den Norden, raue Winde, Eis. 

Sein jüngerer Bruder Anthony ritt ein Stück neben ihm. Er saß aufrecht, ruhig, den Blick nach vorn gerichtet, als wäre er hier geboren.

Zacs Augen wurden schwer. 

Die Farben um ihn begannen zu verschmelzen, zu schmecken. Zu einem tiefen, zimtenen Orange, zu … 

„Hey!“

Anthony hatte ihn geschubst!

„Mann, reiß dich mal zusammen!“, zischte er ihm zu. 

‚Zusammenreißen – was für ein unpassender Begriff‘, sinnierte Zac.

‚Schon rein anatomisch unmöglich. Wer denkt sich sowas aus? Und überhaupt – Wünschelrutengänger – tsss.‘

Mit einer Astgabel in der Hand.

‚Lächerlich.‘

Er musste nur still genug werden, dann würde es kommen. Dieses langsame Schieben in der Tiefe. Das Strömen unter Hitze und Sand. Wie eine Erweiterung seines Körpers. Wie verbunden. 

Doch hier musste er es unterdrücken.

Denn Wasser war Macht. 

Und Macht zog Gier an.

Wenn seine Fähigkeiten aufflogen, würden sie ihn als lebendigen Wasser- und Erdölsensor hierbehalten.

„Zac!“, fauchte sein Bruder.

‚Wie eine doofe, zu groß geratene Katze!‘

„Schieb es weg!“, presste Anthony hervor.

Zac riss den Kopf hoch. ‚Verdammt!‘

Die Blicke der Beduinen waren auf ihn gerichtet. 

Der Sand zeichnete spiralförmige Muster neben Zac, eine Choreografie. 

Schnell lenkte er seine Gedanken auf ein Kinderlied.

Der Sandwirbel fiel in sich zusammen, und die Blicke der anderen lösten sich von ihm.

Anthony warf ihm einen warnenden Blick zu und deutete ihm mit dem Zeigefinger über dem Mund an, zu schweigen.

„Hmpf“, motzte Zac beleidigt. Er hatte ohnehin keine Lust zu reden.

‚Wozu die Mühe, wenn man die Wahrheit doch nicht sagen darf?‘

Anthony verdrehte die Augen, und Zac brütete wieder vor sich hin. 

Er fühlte sich seekrank. 

‚Scheiß Kamelreiten.‘

Anthony schüttelte den Kopf. 

Dann richtete er sich im Sattel auf und deutete nach vorne.

Und Zac sah ihn.

Ein alter Mann, der auf einem flachen Stein saß, die Hände locker auf den Knien. Aber Zac wusste sofort – ein Gestalter.

Er saß unter einer Dattelpalme, die weit abseits stand, wie verirrt.

Kein Hain, kein Dorf, kein Zelt. Nur dieser eine Schatten.

Er blieb still, als die Karawane näherkam. Als hätte er sie erwartet.

Zac rutschte im Sattel nach vorn. Sein Herzschlag veränderte sich. Die Erde unter ihnen war hier anders. Klarer.

„Wer ist das?“, murmelte er.

Ein junger Beduine, Samir, folgte seinem Blick, und seine Züge entgleisten kurz. Er fing sich und sein Gesichtsausdruck wurde undurchdringlich.

„Mein Großvater“, entgegnete er trocken.

Zac musterte ihn mit schmalen Augen.

„Warum sitzt er hier?“

„Er sagt, er bewacht die Schwelle.“

Samir verzog den Mund.„Eine alte Tradition. Schon sein Großvater saß hier mit ihm.“

Er zuckte mit den Schultern. „Aber ihr dürft nicht alles glauben, was er sagt.“

Anthony hielt sein Kamel an. 

Der Wind strich durch die Palmblätter. 

Ein leiser, trockener Klang.

Dann begann der Alte zu summen.

Und Zac hörte es, genau wie Anthony, genau wie Samir. 

Alle drei blickten erschrocken auf eine Stelle vor der Dattelpalme, von der eine wundersame, melancholische Weise erklang.

„Großvater!“, schalt Samir ihn, so wie Anthony Zac zuvor gescholten hatte, aber Zac unterbrach ihn:

„Schon gut, wir achten euer Land, eure Gebräuche. 

Lasst uns hier rasten.“

Anthony ließ sein Kamel neben der Palme niedergehen. Zac folgte, bedacht darauf, keinen weiteren Staub aufzuwirbeln. 

Der Alte hatte aufgehört zu summen. 

Er saß ruhig da und lauschte.

Zac setzte sich neben ihn. Gemeinsam sahen sie in die Ferne. 

Und in seinem Inneren übernahm etwas anderes die Führung. 

Etwas, das tastend sah. 

Das schmeckend hörte. 

Sein Körper erweiterte sich um die Umgebung, er wurde Wüste, Weite, Klang. 

Und da erkannte er es: Wasser.

Er suchte tiefer, tast-sehend, schmeck-fühlend.

Er konnte das Wasser nicht greifen. Nicht erreichen.

Zac ließ zu, dass das Sehnen in ihm Raum bekam und es zog ihn fort.

Der Alte nickte zufrieden.

Zac überließ der Erde die Führung, folgte dem Gluckern, dem Sog in seinem Inneren.

Wasser klang nach Freude, Lachen, Freiheit. 

Er folgte dem Geräusch und schwenkte dabei die Astgabel.

‚Peinlich!‘ 

Er blieb stehen, kniete nieder, ließ die Finger in den Sand sinken. 

Sie prickelten.

Anthony kam nach und lugte über seine Schulter. 

Samir und die Anderen beobachteten sie aus der Ferne.

„Hier“, rief Zac laut.

Die Männer näherten sich, begannen das Lager aufzuschlagen, die Werkzeuge abzuladen. 

Die Palme blieb, wo sie war. Still. Ungestört.

Als sie sich mit einem Teil der Gruppe auf den Rückweg machten, murmelte der Alte mit rauer Stimme:

„Viel Glück mit ‚Ruh as-sahra’.“

„Was hat er gesagt?“, drängte Zac.

„Keine Ahnung – ‚viel Glück mit dem Wüstengeist‘ – oder so, vielleicht ein Segen, den ich nicht kenne.“

Der Wind strich über die Dünen und bald war die Palme nur noch eine Erinnerung.

Doch der Klang begleitete sie.

— ✧ —

Stunden später führte ein Diener sie in die Kühle des Palastes.

Die Luft war still hier.Fremd, nach der Weite der Wüste.

Durch Bogengänge gelangten sie zur hohen Halle, in der sie den Scheich zum ersten Mal trafen.

Auf seinen Wink erhielten sie den Scheck – enorm.

Zac hielt alle seine Sinne nahe bei sich. 

‚Zusammenreißen’.

Auf der Fahrt zum Flughafen schwiegen die Brüder, im Herzen noch in der Weite der Wüste.

Doch selbst inmitten von Lärm und Koffern, meinte Zac noch immer, die sanfte Melodie der Wüste zu hören.

— ✧ —

Dreißig Minuten später waren sie in der Luft – und Zac hasste es. „Ich schwöre, ich geb mir das mit dir nie wieder!“, flüsterte Anthony. Sein Blick huschte über die anderen Passagiere.

„Um ein Haar wären wir einen Kopf kürzer geworden, nur wegen … – Warum lachst du?“

Zac schossen Tränen in die Augen. 

Sein Bruder wurde rot im Gesicht. Es roch nach Rauch.

Scheiße, Anthony war sauer. Gleich würde hier noch was in Flammen aufgehen.

„Was? Was ist so witzig?“, forderte Anthony gepresst.

Zac wischte sich über die Augen.

„Nichts, eigentlich. Es ist gar nicht witzig. Ich konnte nur nicht …“

„Sag es.“

„Also gut, aber dafür bist du nicht Nerd genug: Um ein Haar.“

Anthony starrte ihn an und Zac fuhr fort:

„Sag ich doch – du checkst es nicht.

Um ein Haar – auf dem Kopf – das Haar … wäre es dann noch da?

Wenn man einen Kopf kürzer wäre? Oder … “

„Oh Mann“, stöhnte Anthony und verdrehte die Augen.

„Ja klar – super witzig.“

Sein linkes Auge zuckte.

Da wechselte die seltsame Wüstenmelodie kratzend den Sender und spuckte einen Werbejingle aus den Achtzigern aus.

„Drei Wetter Taft – die Frisur sitzt …“

Zac japste mit neuen Tränen in den Augen nach Luft.

Dann duckte er sich, weil Anthony wie ein Irrer mit dem Nackenkissen auf ihn einschlug.

„Mann, du bringst uns noch mal um, du dummes Mondkalb!“

Das „Mondkalb“ grinste.

Sie waren Brüder – und sahen sich doch kein bisschen ähnlich: Zac mit seinen grünen Augen und den mittelblonden Haaren, Anthony mit olivbrauner Haut und den langen, schwarzen Haaren.

Immerhin rauchte Anthonys Kopf nicht mehr. Das grelle Orangerot in seiner Aura verblasste wieder.

„Hey, Anthony, sorry. Aber ich sag es dir ja immer wieder: Das ist nicht meine Welt. Voll einen auf Opfer machen – und dieser falsche …“

„Bringt es dich um, ein bisschen nett zu sein? Um uns alle über Wasser zu halten? Hast du die vielen Nullen auf dem Scheck gesehen?“, unterbrach ihn Anthony.

„Über Wasser halten …“, hakte Zac ein.

„Nein – nein, lass es, vergiss, dass ich das gesagt habe. Musst du immer alles wörtlich nehmen?“

„Ja, verdammt. Und das hier ganz besonders. 

Glaubst du, er lässt auch nur einen einzigen dieser Leute da draußen mal umsonst einen Schluck Wasser trinken, von der Quelle, die ich für ihn aufgespürt habe? Dieser egoistische …“

Der Rest ging im nächsten Ellbogenschieber von Anthony unter, der sich nervös umsah.

„Zuhause“, sagte er nur.

Zac verstummte. Sehnte sich nach der Erde. Nach Boden unter den Füßen. Sicherheit.

Hier oben fühlte er sich verloren, abgeschnitten, gefährdet.

Er stieß einen Seufzer aus, als sie landeten.

„Munich Airport. Sie erreichen den Flughafen München“, sagte die Stimme aus dem Lautsprecher.

‚Endlich!‘

— ✧ —

Als Zac zusammen mit Anthony in seinem uralten grünen Jeep saß, atmete er erleichtert auf. 

Noch eine kurze Fahrt, dann würde er endlich wieder an einem festen Holztisch sitzen. Er müsste nicht mehr auf jedes Wort achten oder seinen Gesichtsausdruck kontrollieren.

„Anthony! – Anthony!“

„Häh? Was?“ Anthony war eingenickt und erst beim zweiten Ruf aufgewacht.

„Kannst du bitte deinen Kopfhörer leiser machen? Wir hören zum dritten Mal ‚Drowning‘. Ich wusste gar nicht, dass du so ein krasser Ackles-Fan bist, als Nächstes grölst du noch bei ‚Carry On‘ mit …“

Anthony errötete und fummelte an seinem Handy herum.

„Das ist von Mama – die ist doch total verrückt nach ‚Supernatural‘! – Und Lea.“

Anthony nahm den Kopfhörer ab und drehte ihn vor seinen Augen.

„Sorry“, entschuldigte sich Zac, „aber der scheiß Regen  und ich bin müde …“

Der Scheibenwischer lief auf höchster Stufe und Zac versuchte mit zusammengekniffenen Augen, die Straße zu erkennen.

Anthony wischte sich verschlafen die Augen. 

„Was für ein Scheißwetter!“

„Ja, kaum ist man daheim …“, antwortete Zac. „Könntest du jetzt bitte die Musik ausmachen?“

„Ja, klar.“ Anthony tippte noch einmal an seinem Handy.

„Äh, Zac?“

„Ja?“

„Ich sage das nicht gerne, aber meine Playlist läuft gar nicht.“

„Was?“

„Die Playlist …“

„Ich hab dich verstanden, aber wie kann das sein?“

„Halt mal.“ Anthony konzentrierte sich auf den Song. 

„Immer nur der Refrain.“

„Was?“

„Es läuft immer nur der Refrain.“

„Oh Mann, weißt du was?“

Zac setzte den Blinker und fuhr auf den nächsten Parkplatz. Als der Motor stoppte, sah er seinen Bruder an.

Anthonys dunkle Augen blickten erschrocken zurück.

„Okay, wir bleiben ganz cool, ja?“, bestimmte Zac.

„Klar. Cool“, antwortete Anthony schwach.

„Lass uns mal überlegen – also, kann das eine Synästhesie oder gestalterische Wahrnehmung sein?“

„Äh, Synästhesie nicht, wir hören es ja beide.“

„Okay, also irgendwas aus der Gestalterwelt. Oder ein kaputtes Handy?“

Anthony tippte auf das Display, schüttelte den Kopf.

Zac überlegte: „‚Keep from Drowning‘ – ja, das wäre bei dem Wetter kein Wunder, wenn hier einer absäuft …“

„Was, wenn die Musik ein Hinweis ist?“, fragte Anthony alarmiert. „Wenn sie uns etwas sagen will? Vielleicht säuft ja gerade jemand irgendwie ab oder so?“

Schockiert blickten sie sich an und sprangen aus dem Wagen in den strömenden Regen. Sie sahen sich hektisch um und untersuchten den Bereich rund ums Auto. Zac hob hinten die Plane von der offenen Ladefläche.

Darunter lag jemand.

Ein Mädchen. Dreizehn, vierzehn Jahre alt – soweit er bei dem Regen einschätzen konnte.

„Hallo?“ versuchte er es. 

Sie bewegte sich nicht. 

Anthony stand mit wachsamen Blick etwas abseits.

„Hallo!“ Zac wurde lauter und fasste nach ihrer Schulter.

Als seine Finger ihre Haut berührten, zuckte er zurück, als hätte er sich verbrannt.

Ein fremder Schmerz durchfuhr ihn – roh, brennend, zu nah.

Etwas schrie in seinem Kopf. Er wandte sich ab und hielt sich die Augen.Grell!

Scharf sog er Luft ein und trat zurück. Er presste die Hand gegen den Oberschenkel, als könnte er das Echo wegdrücken.

Anthony sah ihn mit großen Augen an. 

„Was hat sie gemacht?“

„Nichts – sie …“, er brach ab, wischte sich über die Stirn. 

„Ich kann sie nicht anfassen“, flüsterte Zac rau. 

„Bring du sie nach vorne.“

Anthony runzelte die Stirn.

„Sie tut dir nichts!“, entgegnete Zac unwirsch. 

Leise schob er nach: „Ich fühle, was sie fühlt.“

Bestürzt wandte sich Anthony ihr zu und brachte sie nach vorne. 

Zac starrte ihm mit brennenden Augen hinterher. 

Dann löste er sich aus der Starre und schwang sich hinters Steuer.

Das blasse Licht der Innenbeleuchtung erhellte zarte Gesichtszüge, mokkafarbene Haut und schwarze, wuschelige Haare. Die Augen des Mädchens waren geschlossen, und ihre Haut war von Regen und Schweiß bedeckt.

Sie war schmal, zu schmal.

„Sollen wir sie in ein Krankenhaus bringen?“, fragte Anthony.

‚Take me home, country roads …‘

Zac musste fast lachen über die absurde Situation und die gleichzeitige Beschallung.

„Unser musikalischer Freund möchte das offenbar nicht.“

„Gut, also kein Krankenhaus, was dann?“

„Kein Krankenhaus“, stimmte das Mädchen mit rauer Stimme zu.

„Hey –“, sprach Anthony sie vorsichtig an. „Hey, wir bringen dich nicht ins Krankenhaus, wenn du das nicht willst. Aber du bist krank, du glühst geradezu.“

„Nicht krank – nur erkältet. Bitte, bitte, kein Krankenhaus!“, flüsterte sie schwach, dann sank ihr Kopf auf Anthonys Schulter.

„Ich fahr jetzt, wir sind in einer Viertelstunde daheim. Ruf dort an und sag ihnen, was hier abgeht.“

‚You do not talk about the fight club!‘ beschwerte sich die Luft bei ihnen.

„Tsss!“ Zac schüttelte den Kopf. „Wir müssen ihr helfen.“

„Und unserer Familie könnt ihr vertrauen“, fügte Anthony hinzu, während er zu Hause anrief. „Du, Siri – ich nenne dich jetzt einfach Siri, wir tun deiner Freundin nichts, wir helfen euch.“

‚Give me fever!‘, klagte Siri.

„Warum eigentlich Siri?“, fragte Zac.

„Alexa war mir zu –“

Er unterbrach sich, weil jemand abhob.

„Hallo Mama – ja, wir sind in etwa fünfzehn Minuten daheim. – 

Ja, ja, Mama, hör mir doch erst mal zu! Auf Zacs Ladefläche lag ein Mädchen. – 

Was? Nein! – 

Sie ist krank. Fieber. Sie lag im Regen. Was? – 

Wir wussten das doch erst gar nicht! Sie hatte sich unter der Plane auf Zacs Ladefläche versteckt, wahrscheinlich lag sie da schon, als wir am Flughafen losgefahren sind. – 

Keine Ahnung, sie ist kaum ansprechbar. – 

Nein, sie will nicht ins Krankenhaus. Sie hat Angst. – 

Dreizehn oder vierzehn würde ich schätzen. – 

Ja, gute Idee, mach das. – 

Ja, ich hab dich auch lieb.“

Genervt verdrehte Anthony die Augen, und Zac grinste.

‚Mama …‘ jammerte Freddie Mercury im Hintergrund.

„Ja“, stimmte Anthony Siri zu. „Mama kümmert sich um alles.“

Besorgt blickte er den kleinen Wuschelkopf an, der da an seiner Schulter lehnte. Er zog eine alte Decke aus dem Stauraum hinter den Sitzen und trocknete sie notdürftig ab. Sie stöhnte ein bisschen, wachte aber nicht auf. Anthony drehte das Gebläse in Richtung ihrer Haare, um sie zu trocknen.

„Mein Gott, sie ist so jung“, sagte er leise zu Zac. „Was hat sie nur dahinten gemacht?“

Zac hob abwehrend die Hand. „Nicht. Lass es einfach!“

Er zwang seinen Blick auf die Rücklichter vor ihm.

‚Fahren.

Nur fahren.‘

Create – Verborgen © Cerin Verlag / Celo & Terin Alle Rechte vorbehalten.


Create – Zerrissen erscheint am

Samstag, 23.05.2026

als Softcover,

limitierte Special Edition mit Farbschnitt und

Ebook.




 
 
 

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Inhaberin: Christine Loch, Graben 5 83553 Frauenneuharting, E-Mail: celo.terin@gmail.com

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Die dargestellten Charakterabbildungen wurden digital erzeugt und künstlerisch ausgearbeitet.

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